Editorial
Im vergangenen Jahrzehnt zeigten wissenschaftliche Veröffentlichungen folgende Charakteristika:
. Den konvergierenden Gebrauch verschiedener Medien (Texte werden gelesen, gehört und gesehen) und Publikationsformate (gedruckt und elektronisch);
. Interaktive und internetbasierte Wissensformen;
. Materialsuchstrategien mit Suchmaschinen (Google, Google Scholar...);
. Auf Themen und Autorennamen basierende statt auf Fachzeitschriften ausgerichtete Suche;
Und
verschiedene Beiträge von Auroren aus aller Welt.
JoSTrans, eine der ältesten internationalen von Experten begutachtete Zeitschrift der Übersetzungswissenschaft hat als eine der ersten diese und andere Charakteristika gefördert, die jetzt auf dem Gebiet hoch geschätzt werden: Inhalte, die die Verbindung zwischen Wissenschaft und Industrie zeigen; frei zugängliche elektronische Ausgaben, die multimediales Material beinhalten; die Konzentration auf professionelle Aspekte der Übersetzungswissenschaft, besonders auf die an der Spitze der Entwicklung stehenden wie Medienzugänglichkeit, Nachbearbeitung und Maschinenübersetzung. Am wichtigsten ist vielleicht der unabhängige Geist und das Format, da die Zeitschrift nicht von einer Firma geleitet wird sondern von den Personen, denen sie dienen will: von Studenten, Wissenschaftlern und professionellen Übersetzern.
In einer Übersetzungszeitschrift wird die Vielfalt der Beiträge als selbstverständlich vorausgesetzt, da die Autoren diskutieren, wie spezialisierte Inhalte über den Globus und verschiedene Fachbereiche transferiert werden. JoSTrans hat die Vielfalt und Inklusivität zwischen Autoren und Lesern auf weniger gängige Art priorisiert. Während an professionelle Übersetzer oder graduierte Studenten gerichtete Publikationen weniger erfahrene oder etablierte Beiträge enthalten, stehen von Experten begutachtete Peer-Review-Zeitschriften oft unter dem Druck, die geschliffensten Artikel auszuwählen. Dies kann auf Kosten origineller Ideen gehen. Auf einem sich schnell entwickelnden Gebiet wie der Übersetzungswissenschaft kommen die interessantesten Ideen von unten, auch wenn ihnen die nötige Erfahrung einer geschliffenen Ausdrucksweise noch fehlt. Es kann auf Kosten origineller Ideen gehen. Dies anzuerkennen und die Konsequenzen daraus zu ziehen hat das Ethos der Zeitschrift von Anfang an bestimmt. Viele der jetzt etablierten Autoren hatten ihre erste Veröffentlichung in JoSTrans. Die Mitglieder des Redaktionsteams, die sie auf diesem Weg begleiteten, gaben ihnen mehr Zeit und Energie als normalerweise erwartet wird. Dieses Ethos der Inklusivität bezieht sich auch auf die Leser. Die Entscheidung, eine „goldene“ Veröffentlichung zu sein und den Inhalt sofort zugänglich zu machen wurde nie hinterfragt. Sogar heute nehmen die meisten Geistes- und Sozialwissenschaften das „grüne“ Modell, die meisten „goldenen“ Veröffentlichungen gehören den etablierten Naturwissenschaften, die sich die Kosten der Produktion und Verteilung besser leisten können. Der Zugang wurde immer sorgfältig erwogen: In den frühen Jahren des 21. Jahrhunderts zum Beispiel, als das Hochladen von Videos eine Herausforderung darstellte, wurden alle Interviews in einminütige Teile geschnitten und in zwei Geschwindigkeiten angeboten, für Teilnehmer mit geringer Datenübertragungsrate. Diese Methode und die allgemeine inhaltliche Qualität der Zeitschrift sind global anerkannt. Im Jahr 2018 wurde JoSTrans in die wichtigsten Datenbanken der Peer-Review-Zeitschriftenaufgenommen: Clarivate, Scopus und DOAJ.
Die 30. Ausgabe von JoSTrans wird doppelt gefeiert: Journal 30a hat als Thema die Fachübersetzung mit Beiträgen von wichtigen Autoren auf diesem Gebiet, die in all den Jahren mit JoSTrans zusammengearbeitet haben. 30b enthält acht Artikel einer nicht-thematischen Ausgabe, wie jedes Jahr im Juli.
Der nicht-thematische Teil reflektiert das gegenwärtige Interesse an der Rezeption und Perzeption der Übersetzung. Wie man, ob Übersetzer oder nicht, sich mit Texten auseinandersetzt war der Kern der Übersetzungswissenschaft in den letzten Jahren. Dies spiegelt sich hier wieder: Das Verständnis und die Perzeption von Texten in der Übersetzung (Mele; Leszczynska and Szarkowska; Congost Maestre); ihre Rolle und Zugänglichkeit (Braga Riera; Roofthooft); Attitüden zu ethischen und Ausbildungsthemen (Lambert; Yi-yi Shi).
Als wir anfingen, für die Jubiläumsausgabe Artikel zum Thema der spezialisierten Übersetzung zu sammeln, kam Juan Jose Martinez Sierra mit einem Projekt zum selben Thema auf uns zu. Die Ähnlichkeiten zwischen seiner und unserer Vision waren erstaunlich und wir baten ihn, den Jubiläumsteil der Ausgabe herauszugeben. Wir mochten die Idee eines Einblicks „von Aussen“ und Martinez Sierra wollte unbedingt die etablierten Personen einbeziehen, die JoSTrans anfänglich halfen: Frederic Chaume, Jorge Diaz Cintas, Daniel Gile, Anna Matamala, Pilar Orero, Anthony Pym und Margaret Rogers, die eine umfassende und faszinierende Geschichte von JoSTrans beschreibt.
Leider ist Peter Newmark, der die Redaktionssitzungen bis 2011 geleitet hat nicht mehr bei uns, sein Engagement für JoSTrans war jedoch entscheidend für dessen Entwicklung. Martinez Sierras breites Verständnis der Fachübersetzung als professioneller Praxis, die Gebiete von audiovisueller Übersetzung bis Transkreation sowie technischer Übersetzung umfasst, entspricht ebenfalls unserer eigenen. Die Arbeit jüngerer Wissenschaftler ergänzt die der oben erwähnten etablierten Autoren: Doherty, Dutka, Kruger, Orrego-Carmona, Pedersen, Perego, Romero Fresco, Rovira-Esteva, Soler-Vilageliu und Szarkowskas Konzentration auf experimentelle Forschung spiegelt die Tendenz in der heutigen Übersetzungswissenschaft wieder, besonders in der audiovisuellen Übersetzung. Cruz Garcia erweitert den Forschungsbereich der Übersetzungsmethoden.
Zum Schluss noch eine Anmerkung zu den Videointerviews, die ebenfalls JoSTrans definieren. Nicht weniger als 67 Interviews verlebendigen die Geschichte der letzten 15 Jahre des Übersetzerberufs. In dieser Ausgabe gibt es Gespräche mit führenden Personen der Übersetzungswissenschaft: Christina Schäffner interviewt Andrew Chesterman, Frederic Chaume reflektiert die Evolution der audiovisuellen Übersetzung mit Jorge Días Cintas. Ich spreche mit Brian Mossop, Orrego-Carmona und Juan José Martínez Sierra über Redaktion und Übersetzung, das Wachstum empirischer Studien in der Übersetzungswissenschaft und die fluktuierende Bedeutung der Fachübersetzung.
Schließlich erhellt Lindsay Bywood meine Perspektive als Herausgeberin von JoSTrans. Die Zusammenarbeit mit Experten aus der ganzen Welt hat Spaß gemacht und war ein Privileg. Die Reise in die nächsten dreissig Ausgaben möge ebenso unerwartet und bereichernd sein!
Lucile Desblache
Übersetzung: Liselotte Brodbeck